„Nie wieder Schule, sicher nicht mit mir!“

Mit diesen Worten sollte ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnen. Ich sollte einen Weg einschlagen, von dem ich niemals gedacht hätte, dass er für mich gangbar wäre. Eine Reise voller unterschiedlicher Eindrücke und Erkenntnisse, die mir die Welt aus völlig neuen Perspektiven zeigen sollte: Eine Reise durch vier Jahre HTL- Abendschule, die mein Leben in vielerlei Hinsicht bereichern würden! Über diese ungewöhnliche Reise möchte ich hier erzählen.

Im Mai 2009 arbeitete ich schon ungefähr eineinhalb Jahre in einem Baumarkt im Holzzuschnitt. Als gelernter Tischler hatte ich schon einige Jahre in Tischlerbetrieben und auf Baustellen gearbeitet. Obwohl ich das Tischlerhandwerk gerne ausübte, machte mir der Arbeitsalltag keine besondere Freude.

Der Traum vom künstlerischen, kunsthandwerklichen Schaffen verblasste mit jeder schweren Küchenarbeitsplatte, die ich schleppen musste. In kürzester Zeit wurden meine Träume und Hoffnungen zu einem unbefriedigenden Arbeitsalltag. Tief in meinem Herzen sehnte ich mich nach etwas anderem. Die Vorstellung, ein Leben lang tagtäglich die selben und sich immer wiederholenden Aufgaben zu erfüllen, machte mich äußerst unglücklich. Aus purer Angst vor der Arbeitslosigkeit verrichtete ich Tag für Tag meine Arbeit, um Geld zu verdienen. Als letztendlich das Arbeitsklima unglaublich negative Ausmaße annahm, entschied ich mich dennoch, meinen Job zu kündigen.

Zeit der Ungewissheit

Zu diesem Zeitpunkt war ich 23 Jahre alt und wusste nicht, wie es mit meinem berufichen Leben weitergehen sollte. In meinem alten Beruf wollte ich nicht mehr arbeiten. Ich wusste aber auch nicht, was ich stattdessen konkret machen wollte. Es verging ungefähr ein Monat, bis ein Zufall mein Leben veränderte. Ich war bei meinem Bruder auf Besuch, der mir verriet, dass er noch an diesem Abend etwas vorhätte: nämlich den Tag der offenen Tür in der HTL Ottakring zu besuchen. Mit eindeutiger Ablehnung einer Schulausbildung gegenüber begleitete ich ihn an diesem Abend. Nach einigen informativen Gesprächen und mit vielen Eindrücken zurückgekehrt, kamen wir zur Erkenntnis, dass wir durch den Besuch der HTL- Abendschule nichts zu verlieren hätten. Noch am selben Tag entschloss ich mich, die Abendschule für Informatik zu besuchen - ohne zu wissen, was genau mich dort erwarten würde.

Neues Ziel, neues Glück

Rechtzeitig meldete ich mich zu Beginn des Sommersemesters in der HTL Ottakring an. Und voller Aufregung suchte ich zu Schulbeginn im September das Klassenzimmer für die Erstsemestrigen auf. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, ob ich die Schule schaffen oder abbrechen würde. Ein erster Schritt in eine Zukunft, die ich mir so niemals erdacht oder gar erträumt hätte. Es folgten vier sehr interessante, fordernde und lehreiche Jahre. Ich lernte unterschiedliche Menschen mit noch unterschiedlicheren Ansichten kennen. Mit dem einen Kollegen unterhielt ich mich über seinen Level in einem Computerspiel, mit dem anderen über seine Familienhausplanung.

Die Abendschule ist nämlich nicht nur ein Ort des Unterrichts und Lernens, sie bietet auch eine wunderbare Gelegenheit, Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters kennenzulernen. Dies gepaart mit den Lerninhalten lässt im positiven Sinne eine explosive Kombination entstehen. Es war zum Beispiel immer sehr interessant, wenn eine so bunte Mischung von Menschen im Unterricht über gesellschaftspolitische Themen diskutierte.

„Kritisches Hinterfragen“ oder sich eine eigene Meinung über ein Thema zu bilden, sowohl subjektiv als auch objektiv, das war mir zuvor fremd gewesen. Als ich noch HTL-Schüler war, erkannte ich oftmals nicht den Zweck der Lerninhalte der allgemeinbildenden Fächer und empfand diese als fürchterlich nervend und unnötig. Denn das Anliegen der Lehrer war mir damals noch nicht bewusst: Nämlich selbst denkende, aufgeklärte und gebildete Menschen hervor zu bringen. Im Nachhinein betrachtet, bin ich meinen Lehrern unglaublich dankbar für viele Erkenntnisse. Ich habe mit der Abendschule begonnen, um einen neuen Beruf zu erlernen. Herausgekommen bin ich als völlig neuer Mensch!

Berufliche Perspektive

Sofort nach meinem Abschluss hatte ich das Glück, eine Stelle als Softwareentwickler zu bekommen. Mein neuer Beruf macht mir bis heute sehr viel Spaß und ich kann versichern: Als Ingenieur wird es niemals langweilig!